21.12.2004  Linktip 
Gibt es im norddeutschen Tiefland überhaupt sandgeprägte Fließgewässer?

Auf einem Treffen des Gesprächskreises Umweltverbände und Wasserwirtschaft des Deutschen Naturschutzringes (DNR) am 14. 12. 2004 in Hannover referierte der Limnologe Dr. Herbert Reusch aus Suhlendorf.

Er stellte dar, dass die von der LAWA festgelegten Fließgewässertypen des deutschen Tieflandes Nr. 14 (sandgeprägte Tieflandbäche ) und Nr. 15 (sand- und lehmgeprägte Tieflandflüsse) nicht als eigenständige Fließgewässertypen bezeichnet werden dürften. Sie wären eigentlich nichts anderes als nur degradierte kiesgeprägte Bäche (Typ 16) oder Flüsse (Typ 17) des Tieflandes. Der Sand wäre aus den flächendeckend vorhandenen Grund- und Endmoränen der Nacheiszeit in den Gerinnen längst ausgewaschen. Dafür hätten sich in den Flüssen und Bächen kiesige Substrate gebildet, die den natürlichen Lebensraum vieler Arten des Makrozoobenthos bilden. An Hand der ähnlichen Artenzusammensetzung z.B. der ca. 60 Eintags-, Stein- und Köcherfliegen, die sowohl in den kiesgeprägten als auch in den ausgewiesenen sandgeprägten Fließgewässern gefunden wurden, machte er deutlich, dass diese Qualitätskomponente der WRRL keine Unterschiede bei den beiden Gewässertypen zuließe. Lebensraum für alle diese Arten sind überwiegend kiesige Habitate, Erlenwurzeln und Totholz aber kaum Wasserpflanzen und nie mobiler Sand, der heute in vielen Bächen und Flüssen in Norddeutschland anzutreffen ist. Mit einem Leitbild eines sandgeprägten Baches würde man deshalb ein Ziel verfolgen, dass so Jahrtausende nicht existierte und erst durch die Veränderung unserer Landschaft durch Land- und Forstwirtschaft und Siedlungen in den letzten hundert Jahren entstanden ist. Mobiler Sand eingetragen aus Abbruchkanten von nicht durch Erlen stabilisierter Ufer, von Viehtritt und von nicht ordnungsgemäß funktionierenden Drainagen zerstörten Lebensräume und würde das Aufkommen der Wirbellosen und der Fische stark beeinträchtigen.

Warum in den sandgeprägten Bächen das gleiche Arteninventar gefunden wird wie in kiesgeprägten, obwohl diese doch geschädigt seien, beantwortete er dahingehend, dass es auch in den sandüberformten Gerinnen immer übriggebliebene Bereiche gäbe, die natürlich- also kiesig – wären und Totholz käme auch immer vor. Teilnehmer der Veranstaltung meinten, dass wenn also die sandgeprägten Bäche und Flüsse nur eine falsche Bezeichnung darstellten, das Ziel aber das gleiche Arteninventar wäre, könnte man zwar nicht wissenschaftlich aber praktisch damit leben. Dieser Aussage stimmte er nicht zu, da damit dem weiteren Eintrag von mobilen Sand nicht entgegengetreten wird und auch der notwendige Aufbau von Gewässerrandstreifen verhindert würde, die die Fließgewässer nicht nur vor Sandeintrag sondern auch vor Nährstoffeintrag und starker Sonnenbestrahlung schützten und auch zusätzlichen Lebensraum schufen und außerdem die Gewässerunterhaltungskosten reduzierten. Teilnehmer der Veranstaltung äußerten ihre Verwunderung, dass die Überlegungen von Herrn Reusch nicht in die LAWA-Arbeitsgruppe „Biozönotisch bedeutsame Fließgewässertypen der BRD – Qualitätskomponente Makrozoobenthos“ eingeflossen sind.

Kontakt: Gerd Wach
WASSERNETZ Niedersachsen/Bremen
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